Montag, 4. August 2008

Der Letzte macht das Licht aus


Zwischen Hellenhausen und Lichtenstein, ganz in der Nähe von Lampenberg, lag vor vielen, vielen Jahren eingekeilt ein kleiner Forst. Dass in dem klitzekleinen Waldstück Glühwürmchen lebten, wussten die Hellenhausener und die Lichtensteiner ebenso zu schätzen wie zu verfluchen. Das heißt, so hellauf begeistert wie sie über die Glühwürmchen-Ansiedlung auch waren, so verärgert waren sie über die kleinen Leuchten, die ständig glimmerten und flimmerten. Kein Wunder dass die Einwohner verärgert waren, denn die Würmer, vor allem die Nachtkömmlinge, ließen die ganze Nacht ihr Licht brennen..

..was ja auch nicht so schlimm gewesen wäre, wenn es nicht so schrecklich hell gewesen wäre. So hell, dass die Kinder in Hellenhausen und Lichtenstein kein Auge zu kriegten. Nicht selten kam es vor, dass sie am anderen Morgen nicht zu Schule gehen konnten, nur weil irgendein Schwarm junger Glühwürmer nach strahlender Leuchtparty vergaß das Licht auszuschalten. Na ja, und wenn man zu oft in der Schule fehlt .. das ist selbst für den „Hellsten“ nicht förderlich.

So kam es, dass Frau Lichtkegel aus Lichtenstein, sie hatte die Ausstrahlung einer Glühbirne und den Charme einer Duftkerze, eine ernste Unterredung mit dem Bürgermeister hielt. Zum Licht-Schutze aller Bewohner von und um Lichtenstein herum, verlangte sie Sofortmaßnahmen. Herr Wattmann, der Bürgermeister, der ein Mhz (Megaherz) für Glühwürmchen hatte, und nebenbei bemerkt viel zu viel Kilowatt auf den Rippen, gelobte Abhilfe.

Natürlich nicht sofort, immerhin sollte eine zündende Idee das Problem lösen, aber keinesfalls eine gewaltsame Aktion. Während des Gesprächs kam heraus, dass Herr Wattmann sich schon als Kind der leuchtenden Käferchen erfreute und sogar Freundschaft mit ihnen schloss. „Ach ja,“, erinnerte er sich, „das waren noch Zeiten im Leuchtkäfer-Forst. Lamprozius, Mimikry, Phospharus, Laternelle und ich, unzertrennlich waren wir“.

Frau Lichtkegel, äußerst wissbegierig, um nicht zu sagen neugierig, hörte aufmerksam zu . Auch sie erinnerte sich gern an vergangene Tage, wo sie noch als Fräulein Leuchtreklame, so hieß die arme, im Lampen-Kaufhaus „Laterne“ arbeitete.

„Wissen sie“, plauderte der Bürgermeister fröhlich aus, „wir Unzertrennlichen waren eine starke Gemeinschaft. Gemeinsam haben wir es geschafft, Cleopetra, die Tochter von Frau Lucifer, aus einem ausgehöhlten Baumstamm zu befreien. Oh je, mit Schrecken erinnere ich mich daran und an Photuris, ihrem jetzigen Ehemann. Stellen sie sich nur vor, Frau Lichtkegel, die beiden hatten sich im Baumstamm versteckt um miteinander bei Dämmerlicht zu schmusen, als bei Photuris plötzlich die Lampe ausging. Cleopetra, die davon ausging, dass Mann das so macht, bei Nacht, hatte aber falsch gedacht. Der arme Kerl war ohnmächtig geworden, aus Furcht etwas nicht richtig zu machen.“

„Na das sind ja Sachen“, räusperte sich Frau Lichtkegel, „und wie haben sie helfen können, Herr Bürgermeister?“ „Nun, das war gar nicht so einfach. Ausgerechnet in dieser Nacht war es stockduster im Wald und alle Glühwürmchen hatten, wie abgesprochen, ihre Lampen ausgeschaltet. Cleopetra rief um Hilfe, so laut sie konnte, aber keiner ihrer Freunde vernahm den Hilfeschrei. Sie sollten wissen, Frau Lichtkegel, Glühwürmchen können während der Dunkelheit nicht hören, es sei denn, sie haben ihre Lampen an. Aber weiter, nur Lisa, die nachtaktive Lachtaube, hörte ein leises Wimmern. Sofort begriff sie die Situation und erkannte, hier kann nur noch ein Mensch helfen.“ „Ja und dann“, wollte Frau Lichtkegel wissen, „was hat sie dann getan?“ „Sie kam zu unserem Haus rübergeflogen und Frau Lichtkegel, ungelogen, unter Lachen hat sie mir den Not-Fall geschildert und dass menschliche Hilfe angesagt ist“. „Ja und dann .. ja und dann, nun erzählen sie schon, was haben sie dann getan?“. „Na was soll ich schon getan haben? Ich habe so getan, als würde ich schlafen und habe mich aus meinem Kinderzimmer geschlichen. Mit Lisa Lachtaube auf der Schulter habe ich Lamprozius, Mimikry und die anderen geweckt und Mithilfe ersucht“.

„Und, haben sie sie gefunden? Ich meine die beiden Entflammten“. „Ja natürlich“, antwortete der Bürgermeister, “Phospharus und Laternelle haben sich angestrengt wie noch nie in ihrem Glühwürmchenleben und geleuchtet wie Scheinwerferlichter, taghell war es im Baumstamm. Auf diese Weise konnten Lamprozius und Mimikry, und ich natürlich, die beiden Armseligen problemlos aus dem Baumstamm herausheben. Arme Cleopetra, ganz platt war sie gedrückt von dem Gewicht ihres Liebsten und der Leuchtkörper von Photuris sah aus wie eine ausgediente Funzel.“

„Ach herrje“, entgegnete Frau Lichtkegel, „das tut mir aber leid, Bürgermeister. Ich glaube, wir sollten den Leuchtkäfern das Leuchten lieber nicht verbieten. Was meint er dazu?“

„Nnnneinjjjjjaa, ich weiß nicht so recht“, gab der Herr Wattmann zur Antwort, „vielleicht sollte der Letze einfach nur das Licht ausmachen“. Ernüchtert verließ Frau Lichtkegel des Bürgermeisters Büro und tat gerade so, als hätte sie Gefallen an den kleinen Leuchtkäfern gefunden. Na ja, auf jeden Fall gab sie zu, die Glühwürmchen mit anderen Augen zu sehen und zu verstehen. Und der Bürgermeister? Knipste das Licht aus und ging augenzwinkernd nach Haus.

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